Getrennt – Sein
Nehmen Sie sich einen Augenblick, in dem Sie nur sind, und betrachten Sie das Bild. Machen Sie sich Ihre Umgebung bewusst, spüren Sie, was Sie gerade wahrnehmen können – Ruhe, Wärme, oder was sonst gerade in Ihrer Aufmerksamkeit auftaucht. Unterlassen Sie dabei nicht, das Bild weiter zu betrachten.
Lassen Sie das nun in den Hintergrund treten und fokussieren Sie sich mehr auf Text und Bild – ausschließlich Text und Bild.
Bleiben Sie weiter bei dem Gefühl, oder was sonst in Ihnen aufsteigt. Nehmen Sie alles wahr, was ist: Gefühle, Emotionen, auch Widerstand. Fühlen Sie, in welchen Körperbereichen sich diese vielleicht verstärkt manifestieren.
Nehmen Sie die Gestimmtheit wahr, das Hintergrundgefühl, das in Ihnen ausgelöst wird.
Kehren Sie nun zurück in eine allgemeine Wahrnehmung Ihrer Umgebung, Ihres Atems.
Vielleicht haben Sie in diesem kurzen Moment etwas bemerkt: dass jede Unterscheidung, jede Trennung, jeder Widerstand von einem leisen körperlichen Echo begleitet wurde – ein Ziehen im Bauch, eine Kontraktion, ein kurzes Innehalten des Atems.
Vielleicht haben Sie bemerkt, dass Ihre Augen während des gesamten Prozesses unentwegt in Bewegung waren.
Lehnen Sie sich für einen Augenblick zurück und machen Sie sich bewusst, dass Sie es sind, der durch Ihr Tun Wahrnehmung erzeugt. Sie sind es, der durch aktive Bewegung und Motorik seine Welt hervorbringt.
Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht. Uns hat diese Tatsache zutiefst beeindruckt und erschüttert.
Daher rührt der Satz: "Sie erschaffen durch Ihr Tun nicht die Welt, Sie erschaffen Ihre."
Passend hierzu die Aussage des berühmten Mathematikers George Spencer-Brown:
Bevor wir etwas benennen können,
haben wir bereits eine Grenze gezogen.
Wir unterscheiden,
indem wir trennen.
Wir machen den Unterschied,
der für uns einen Unterschied macht.
Für uns gibt es keine Wirklichkeit
jenseits der Unterschiede,
die wir hervorbringen.
Aus dem offenen Feld
tritt Figur hervor.
Der Grund tritt zurück.
Und diese Trennung
wird nicht nur gedacht.
Sie wird leiblich vollzogen.
Gregory Bateson malte, um das zu veranschaulichen, einen dicken Kreidepunkt an die Tafel. Das, was einen Unterschied macht, ist weder der Punkt noch die Tafel, sondern die Grenze dazwischen.
Dieser Prozess des Trennens ist ein aktives körperliches Tun.
Wir können diesen Kontrast zwischen Hell und Dunkel nur unterscheiden durch ein stetiges, aktives Bewegen der Augen. Du tust etwas. Du erzeugst Spannung, und sei sie noch so subtil. Dieser aktive, muskuläre Beitrag ist die absolute Bedingung für jede Wahrnehmung. Erst durch deine leibliche Anspannung bringst du die Trennung in die Welt.
Stell dir im Gegensatz dazu den Zustand eines traumlosen Tiefschlafs vor. Dort versiegt jede willkürliche Spannung – und deine Wahrnehmung schrumpft auf ein Minimum.
Eine Einladung, nicht zu verstehen,
sondern zu erleben.
Hören. Spüren. Wahrnehmen.
Diese Aufnahme liegt bei SoundCloud. Mit einem Klick öffnen Sie die Verbindung dorthin, um sie zu hören.
Sie mögen sich vielleicht jetzt fragen: "Wie kann mir das in meiner Situation helfen?" Vielleicht erinnern Sie sich an die Tatsache, dass Sie durch Ihre spezifische Wahrnehmung, Charakter, Sozialisation, Prägung Ihre Welt hervorbringen – was im Umkehrschluss bedeutet: Ändern Sie Ihre Wahrnehmung, ändert sich Ihre Welt und somit Ihr Problem.
Basierend auf kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie Wahrnehmung und Aufmerksamkeit funktionieren, und der daraus abgeleiteten Schlussfolgerung, die als radikaler Konstruktivismus bekannt ist, gründen die Gestalttherapie, die Gestaltpsychologie und die hier erwähnte craniosakrale Therapie nach John Upledger.
Gestalttherapie erleben Sie bereits ab dem Moment, an dem Sie diese Seite betreten – beim Klicken eines Menüpunktes in Polaritäten, in visuell, akustisch oder philosophisch-intellektuell vollzogenen Experimenten, oder einfach beim Stöbern, wenn Sie, vielleicht auch unabsichtlich, ein Figur-Grund-Wahrnehmungsrätsel lösen.
Einem Ort, der vor Erfahrung, Bewertung, Prägung, Charakter, Krankheit, Trauma liegt. Einem Ort, der vor der Sprache, vor einem Benennen liegt.
Bezeichnen könnten Sie diesen Ort als Bewusstsein, oder reines Bewusstsein, oder Urgrund, Schöpfung – wie immer Sie mögen. Das Entscheidende ist, dass nur von diesem einen Ort aus echte Heilung möglich ist.
Es ist dieser Grund, den der berühmte Osteopath Rollin Becker in seiner erweiterten Funktion des Fulcrum beschrieb: ein Fulcrum, das physikalisch Dreh- und Angelpunkt beschreibt, erweitert um die Vorstellung eines Verortet-Seins des Therapeuten im Urgrund selbst, in der Schöpfung, im Bewusstsein.
An dieser Stelle sei unser geschätzter Lehrer Bernhard Voss zitiert, der wie wir diesen Grund zu betreten für existenziell erachtet, und dies mit seinem berühmten Satz: "Die Buddhas in den Medizin bringen", auf den Punkt bringt.
So erinnern wir uns an den Ort in uns, an dem wir immer verbunden waren und sind – verbunden mit dem Ganzen.
So beginnt Beziehung nicht erst in dem Moment, an dem wir einander berühren.
Wir entdecken, dass wir nie getrennt waren.
Ob wir uns gegenübersitzen oder zur Bank hinübergehen – es bleibt dasselbe Gespräch. Mit Worten. Mit Stille. Mit Berührung. Die Hände sprechen nicht etwas anderes als die Worte, sie führen sie nur in einer anderen Sprache fort.